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Woher unsere Schrift kommt.

Eine kleine Geschichte der Fraktur.

Von der Bastarda des 14. Jahrhunderts über Maximilians Gebetbuch und Breitkopfs Leipzig bis zum Verbot von 1941 — wie die Deutsche Schrift entstand und wieder verschwand.

Von der Bastarda zur Reichsschrift.

Die Fraktur kennt man seit mehr als vierhundert Jahren aus dem Buchdruck — geschrieben wurde in gebrochenen Schriften aber schon weit früher. Des Schreibens waren im Mittelalter nur sehr wenige mächtig; Bücher entstanden vorwiegend von Hand, in Klöstern. Nicht selten hat ein Mönch sein Leben lang nichts anderes getan als abzuschreiben. Fachleute erkennen bis heute an der Handschrift, wer ein solches Buch geschrieben hat.

Es gibt zahlreiche gebrochene Schriftarten, die im englischen Sprachraum Blackletter, Gothic oder Old English heißen. Die erste Schrift unter dem Namen fractura germanica entstand 1507; als ihr Schöpfer gilt der Augsburger Kalligraph und Benediktinerpater Leonhard Wagner (1453–1522).

Aus dem Gebetbuch Kaiser Maximilian I.
Aus dem Gebetbuch Kaiser Maximilians I., 1513

Die Wurzeln der Frakturschrift — die Erforschung alter Schriften nennt man Paläographie — führen zur Bastarda des 14. Jahrhunderts zurück. Gestaltet wurde sie aus den Stilen der Buchkalligraphie und aus Abwandlungen der Kanzleischriften, der gotischen Kursive.

Besonders die Urform der Fraktur findet sich in lokalen Ausprägungen in den Urkunden der kaiserlich-habsburgischen Hofkanzlei Friedrichs III. Für die Lehrbücher, die der Wiener-Neustädter Schreiber Wolfgang Spitzweg 1465 für den jungen Prinzen Maximilian verfaßte, fand eine Frakturschrift Anwendung, die später als gotische Kanzleischrift diente — unter anderem für das Ambraser Heldenbuch, jene Sammlung mittelhochdeutscher Versepen, die der kaiserliche Beamte und Zöllner am Eisack bei Bozen, Hans Ried, zwischen 1504 und 1516 für Maximilian I. niederschrieb.

Maximilian I., jener Schrift zugeneigt und als Bücherfreund bekannt, trug dem Augsburger Drucker Johannes Schönsperger auf, eine Drucktype davon zu schneiden. Sie erschien 1513 zum ersten Mal, im Maximilianischen Gebetbuch — einem monumentalen Werk, das Albrecht Dürer und andere führende Künstler der Zeit 1514/1515 mit Randzeichnungen illustrierten. Es folgten zahllose Abwandlungen, auch von großen Künstlern, die die unterschiedlichsten Stile der Fraktur erarbeiteten und anwandten.

Frankfurt, Leipzig, Weimar.

Um 1555 stieg das Frankfurter Druckwesen zu seiner Blütezeit auf. Die von Christian Egenolff gegründete Typengießerei, nach seinem Tod vom Typenschneider Jaques Sabon erfolgreich fortgeführt, entwickelte sich zum ersten unabhängigen Betrieb ihrer Art in Deutschland; unter dem Namen Egenolff-Sabon-Berner-Lutherische Gießerei hatte sie bis 1810 Bestand.

Im 17. Jahrhundert litt die Druckkunst erheblich, nicht zuletzt wegen des Dreißigjährigen Krieges. Die Reformation vertiefte den Gegensatz zwischen deutscher Fraktur und lateinischer Antiqua; die soziale Spaltung in Gelehrte und einfaches Volk wurde in der Gegenreformation noch angefacht und wuchs sich zu einer wertbesetzten Schriftspaltung aus. Um die Jahrhundertmitte prägten Kupferstecher den Charakter eines Buches, nicht mehr die Typographie. Mit dem Aufkommen der ersten Zeitung (1660) — selbstverständlich in Fraktur gesetzt — verlor Frankfurt den Rang als Zentrum des Buchdrucks an Leipzig.

Beispiel für Frakturschrift aus dem dem Deutschen Reich 1916
Frakturschrift aus dem Deutschen Reich, 1916

Im 18. Jahrhundert war Leipzig das Zentrum deutscher Typographie. Hier wurde die Fraktur auf wissenschaftliche Weise systematisiert und ihre Schriftverhältnisse mathematisch berechenbar definiert. Ausschlaggebend war die Familie des überaus gebildeten Johannes Gottlob Immanuel Breitkopf (1719–1794), bekannt als Buchhändler, Drucker, Gießer und Verleger. Seine Mitstreiter und Rivalen Pierre Simon Fournier, Johann Friedrich Unger (1750–1804) und Joachim Heinrich Campe (1746–1818) waren maßgeblich an der Reform der Fraktur beteiligt. Klassische deutsche Literaten in der Antiqua gedruckt zu sehen, wandelte die Standards wieder hin zu klassizistisch anmutenden, schnörkellosen Fraktur-Neuschnitten: Campe-Fraktur 1790, Breitkopf-Fraktur 1793, Unger-Fraktur 1793/94 und die zierliche Jean-Paul-Fraktur aus der Offizin Breitkopf 1798.

Kurz nach der Jahrhundertwende zeigte sich, daß diese Bemühungen von wenig Bestand waren. Während der Napoleonischen Kriege wurde die als „französisch" angesehene Antiqua zum feindlichen Symbol erklärt, und die klassischen Frakturtypen des frühen 19. Jahrhunderts erlebten ihre Renaissance — etwa die legendäre Type aus der Weimarer Gießerei von Justus Erich Walbaum, mit ihren verschnörkelten Versalien, exakten Brechungen und sogar gespaltenen Schäften.

Bismarcks Weigerung — und das Verbot.

Auch wenn Jakob Grimm 1854 im Vorwort zum Deutschen Wörterbuch vehement für die Antiqua eintrat: Der Gründervater des Deutschen Reiches, Fürst Otto von Bismarck (1815–1898), verweigerte 1886 die Lektüre einer wie üblich in Antiqua gesetzten wissenschaftlichen Abhandlung mit der Begründung, er lehne es ab, deutsche Texte mit lateinischen Lettern gedruckt zu lesen. Seit der Reichsgründung 1871 war die Fraktur ohnehin offizielle Amtsschrift.

Nach dem Umsturz von 1918 wurden weitere Frakturschriften entwickelt. Durch die Verknüpfung mit dem Deutschtum und die Ideologisierung der Fraktur gewann die Antiqua jedoch immer weiter an Verbreitung.

Anfang 1941 verbannten die Nationalsozialisten die gebrochenen Schriften per Erlaß aus dem öffentlichen Leben; in den Schulen durfte nur noch die lateinische Schrift gelehrt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Verbot nicht aufgehoben. Gerade weil die Schrift damals verboten wurde, läßt sich aus ihrem Gebrauch keine Verbindung zu den Jahren 1933 bis 1945 herstellen. Eine ausführliche Betrachtung von Heinrich Heeger zum Verbot der deutschen Schrift bietet der Bund für deutsche Schrift und Sprache unter der Bestell-Nr. 55 an.

Zweischriftigkeit.

Heute schreiben und drucken wir Deutschen fast nur noch lateinisch. Das war nicht immer so: Jahrhundertelang ist Deutschland zweischriftig gewesen — neben der lateinischen hatte sich die deutsche Schrift für unsere Sprache entwickelt. Die Jugend, die in den Jahrhunderten vor 1941 aufwuchs, lernte beide Schriften ohne Mühe.

Heute ziert die Fraktur noch Schriftstücke, Urkunden und Gutscheine, denen man Wertigkeit, ein edles oder ehrendes Ansehen geben will; gern wird sie auch für Kalligraphie-Kurse genutzt und um Verbundenheit mit dem Ursprung der Schrift auszudrücken.

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